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Reden

Rede anlässlich des Nationalfeiertages der Republik Litauen verbunden mit dem 60-jährigen Jubiläum der Litauischen Volksgemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland e.V. Lampertheim-Hüttenfeld (Bürgerhaus) am 18. Februar 2006

Lieber Herr Schugschdinis,
liebe Gäste,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich bedanke mich ganz herzlich für die Einladung der Litauischen Volksgemeinschaft, aus Anlass des Litauischen Nationalfeiertages hier und heute die Festrede halten zu dürfen.
Ich weiß diese Ehre sehr zu schätzen und ich freue mich, Sie alle hier in Hüttenfeld begrüßen zu können.

Die diesjährige Feierstunde steht im Zeichen des 60-jährigen Jubiläums der Litauischen Volksgemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland.

Unter dem Namen „Litauischer Bund der Vertriebenen“ 1946 gegründet, entwickelte sich die Litauische Volksgemeinschaft in den vergangenen sechs Jahrzehnten zu der zentralen litauischen Organisation in Deutschland. In den ersten Jahren stand zunächst die Interessenvertretung der litauischen Vertriebenen und Flüchtlinge, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Westdeutschland aufhielten, ganz oben auf der Agenda. Im Laufe der Zeit wurden die Aufgaben dann immer vielfältiger.
Exemplarisch sei hier die Förderung der Heimatpflege und Heimatkunde sowie der litauischen Bildung und Erziehung genannt. Um die nationale Identität der litauischen Emigranten zu wahren und die muttersprachliche Ausbildung ihrer Kinder zu ermöglichen, gründete die Litauische Volksgemeinschaft vor 55 Jahren ein Litauisches Gymnasium, das sich seit 1954 in Hüttenfeld befindet.

Die Litauische Volksgemeinschaft erwuchs also zu einer Organisation, die den Litauern in Deutschland zu einem Stück Heimat geworden ist und für uns Deutsche ein Stück litauisches Leben bzw. litauische Kultur erfahrbar macht. Für diese wunderbare kulturelle Bereicherung unseres Landes bin ich unendlich dankbar. Als Bergsträßer erfüllt es mich zudem mit Stolz, dass gerade Schloss Rennhof hier in Hüttenfeld ein ganz zentraler Ort – wenn nicht sogar der Drehpunkt - des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der Litauer in Deutschland ist.

Anrede,
die Unabhängigkeitserklärung vom 16. Februar 1918 und die Gründung der Ersten Litauischen Republik bezeugen eindrucksvoll den Drang des litauischen Volkes nach Freiheit und Demokratie. Leider konnte sich Litauen damals im europäischen Selbstbewusstsein noch nicht behaupten, weil die Geschehnisse als Folge des Hitler-Stalin-Paktes die Balten in eine langjährige Leidensgeschichte hineingeworfen haben. Für rund ein halbes Jahrhundert von der Landkarte der Welt ausgeschlossen und zwangsweise zur Hochburg des Sozialismus gehörend, konnte Litauen nur Rezipient der Weltkultur sein, ohne irgendwelche Möglichkeit der Rückwirkung zu haben.

Ab 1987 hat sich die in Litauen immer vorhandene Sehnsucht nach Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie erneut Bahn gebrochen. Angefangen von der Gründung der Unabhängigkeitsbewegung „Sajudis“ bis hin zu jenem Tag – dem 11. März 1990 - , als das litauische Parlament die Unabhängigkeit der Republik Litauen erklärte.

Litauens Weg in die Freiheit und zurück ins Herz Europas war zum Glück nicht mehr aufzuhalten. Von Beginn an stand fest: Dieser Weg in die Zukunft führt in die Europäische Union! Mit dem Kopenhagener Gipfel von 1993 begannen die Beitrittsverhandlungen, bei denen Litauen ein hervorragendes Ergebnis erzielte. Am 1. Mai 2004 war es dann so weit: Litauen trat der Europäischen Union bei. Mit einem überragenden Votum von über 91 % der abgegebenen Stimmen hatte sich die litauische Bevölkerung bereits im Mai 2003 für den EU-Beitritt des
Landes ausgesprochen.

Gibt es einen besseren Beweis für die ausgeprägte europäische Gesinnung der Litauer? Wohl kaum.

Litauen steht mittlerweile auch an der Schwelle zum Euro. Im Juni 2004 ist Litauen dem Europäischen Wechselkursmechanismus beigetreten, der als „Wartezimmer“ zum Euro gilt. Wer mindestens zwei Jahre lang dem Wechselkursmechanismus angehört – was eine feste Wechselkursbindung an den Euro einschließt – hat eines der sog. Konvergenzkriterien erfüllt. Als erste werden dies im Sommer voraussichtlich Litauen, Estland und Slowenien geschafft haben. Nach Ablauf der zwei Jahre wollen EUKommission und Europäische Zentralbank dann darüber urteilen, ob diese Staaten auch die restlichen Konvergenzkriterien erfüllen (z.B. Einhaltung des Inflationskriteriums), um dem Euro-Raum beitreten zu können. Sollte dies der Fall sein, würde die Kommission dem EU-Ministerrat einen Beitritt zum 1. Januar 2007
vorschlagen.

Anrede,
die europäische Idee ist aus der größten Katastrophe in der Geschichte Europas entstanden. Die Gründungsväter der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hatten eine Vision: Konflikte auf europäischem Boden ein für alle Mal zu verhindern. Diese Gründungsidee ist und bleibt auch heute gültig. Nur auf Frieden und Freiheit kann wahrer und dauerhafter Wohlstand erwachsen. Die Entschlossenheit der Länder Mittel- und Osteuropas, der Europäischen Union angehören zu wollen, zeigt die Attraktivität europäischer Integration. Das Erfolgsmodell eines friedlichen Interessensausgleichs auf der Grundlage von Demokratie, gemeinsamen Werten und Marktwirtschaft sowie die Möglichkeit zur Teilhabe am größten Binnenmarkt der Welt. Gerade durch die Erweiterung um die mittel- und osteuropäischen Beitrittsstaaten und ihrer Wachstumsmärkte kann die Europäische Union ihre Interessen im globalen Wettbewerb noch besser behaupten und sie kann ihr Gewicht und ihren Einfluss in der Welt und in den internationalen Organisationen wie der UNO und der Welthandelsorganisation WTO erhöhen. Es ist ungemein wichtig, dass ein solch starkes Europa als ein wirksamer Stabilitäts- und Ordnungsfaktor handeln und damit zugleich auch die transatlantische Partnerschaft stärken kann.

Die EU-Erweiterung steht aber noch für etwas anderes: Nach mehr als 60 Jahren der Trennung und Spaltung fand am 1. Mai 2004 die Wiedervereinigung Europas statt!

Anrede,
die Litauische Volksgemeinschaft in der Bundesrepublik Deutschland und das Litauische Gymnasium haben verinnerlicht und vermitteln das, was zum Wertefundament Europas dazugehört. So ist es das Hauptziel des Gymnasiums, deutsche und litauische Schüler gemeinsam im christlichen und europäischen Geiste zu erziehen. Gelebte europäische Verständigung in einer Atmosphäre der Toleranz, der gegenseitigen kulturellen Wertschätzung und der Weltoffenheit. Die Schülerinnen und Schüler finden hier das allerbeste Umfeld, sich ihrer eigenen ulturellen Identität bewusst zu werden und diese zu entwickeln sowie gleichzeitig die Sprache, Mentalität und Kultur des Anderen zu verstehen und zu schätzen.

Dieser pädagogische Ansatz ist ein ebenso greifbarer wie wertvoller Mosaikstein im Gemälde des vereinten Europas, dessen Kraft auf der Vielfalt – auf der Vielfalt in Einheit – gründet. Mit dem Litauischen Gymnasium hat die Litauische Volksgemeinschaft eine unverwechselbare und grandiose Brücke zwischen Ost und West, zwischen Litauen und Deutschland, gebaut: Ein Brücke der Völkerverständigung. Diese Brücke musste aber in der Vergangenheit so manche schwere Erschütterung ertragen. So zerstörte 1984 ein Brand im Schloss Rennhof das Jungeninternat. Ende der 90er-Jahre drohte dem Litauischen Gymnasium sogar das Ende, als die Bundesrepublik die Streichung des jährlichen Zuschusses in Höhe von 1,5 Mio. D-Mark für das Jahr 2000 ankündigte. Umso glücklicher bin ich, dass dieser wahre Edelstein in unserem Landkreis heute so hell erstrahlt. Zum Fortbestand des Gymnasiums haben viele beigetragen. Hier möchte ich exemplarisch das Land Hessen erwähnen, das die Schule als staatliche Ersatzschule anerkannt hat und sie finanziell fördert.

Anrede,
der Litauischen Volksgemeinschaft ist es zu verdanken, dass der europäische Geist so präsent und spürbar durch die Flure des Litauischen Gymnasiums weht. Die Litauische Volksgemeinschaft leistet damit auch einen enorm kostbaren Beitrag für das gute Zusammenleben von deutschen und litauischen Bürgern. Gute Beziehungen zwischen Völkern fangen immer im Kleinen an – mit Begegnungen zwischen Menschen, die vorurteilsfrei und neugierig aufeinander zugehen.

Unsere Länder waren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Nachbarländer und das frühere Memelland ist heute ein Teil von Litauen. Trotz aller Veränderungen haben sich die in der Vergangenheit begründeten Nähen und Gemeinsamkeiten auch heute noch als Nähen zwischen den Menschen fortgesetzt. Den Boden hierfür hat die Litauische Volksgemeinschaft mit bereitet und auf diese Weise dazu beigetragen, dass die deutschlitauischen Beziehungen auf einem festen Fundament gründen.

Ein reger Besuchsaustausch zwischen den Regierungen und Parlamenten, zwischen politischen Stiftungen und wissenschaftlichen Institutionen, sowie in den Bereichen der Wirtschaft, der Kultur und der Medien sorgt darüber hinaus schon seit Jahren für einen sehr intensiven und lebendigen Dialog zwischen Deutschland und Litauen. Diese Zusammentreffen – sei es auf höchster politischer Ebene oder beispielsweise im tagtäglichen Miteinander der Schüler im Litauischen Gymnasium – bieten die besten Voraussetzungen, dass sich die deutsch-litauische Freundschaft immer weiter verfestigt.

Gerade auf Deutschland richtet sich ein Großteil der Erwartungen, die in Litauen im Gedanken an die eigene und gemeinsame Zukunft in der EU und in der NATO gehegt werden. Deutschland hat sich als ein stabiler Partner erwiesen und diese Partnerschaft erscheint aus litauischer Sicht – auch angesichts der Erfahrungen mit der deutschen Wiedervereinigung – jetzt auch zur Bewältigung der im Rahmen der EU-Erweiterung anstehenden Aufgaben wichtig. Dabei erwartet sich Litauen von Deutschland die wirtschaftliche und politische Kraft, die jetzt notwendigen Integrationsprozesse in der Europäischen Union fortzusetzen, aber auch transatlantische Gemeinsamkeiten zu stärken sowie die Nachbarschaftspolitik gegenüber den östlichen Nachbarn der Europäischen Union zu intensivieren und auch Russland bei der Verwirklichung westlicher Werte behilflich zu sein.

Dieser Aufgabe stellt sich Deutschland!

Anrede,
mit dem Beitritt Litauens und neun weiterer Länder zur Europäischen Union im Mai 2004 ist nicht der letzte Abschnitt des europäischen Integrationsprozesses zu Ende gegangen. Vielmehr
markiert dieses Datum den Beginn einer neuen Europäischen Union bzw. eines neuen Europa, das maßgeblich von Staaten aus Mittel- und Osteuropa geformt wird.

Damit dieses neue Europa für seine Bürger noch fassbarer wird, dabei sein gewaltiges Potenzial besser entfalten und zugleich nach außen an Handlungsfähigkeit hinzugewinnen kann, muss der europäische Verfassungsprozess neu belebt werden. Den bisherigen Text für die EU-Verfassung halte ich dabei nach wie vor für den bestmöglichen Kompromiss, den man für ein Europa der 25 erzielen konnte. Deutschland und Litauen haben sich in beeindruckender Weise hinter die EU-Verfassung gestellt. Der litauische Seimas hatte sogar als EU-weit erstes Parlament die EU-Verfassung ratifiziert. An diesen Akten großen Vertrauens in Europa und in die Europäische Verfassung gilt es anzuknüpfen.

Anrede,
das klare Bekenntnis der Litauer zu Freiheit und Demokratie und ihr großes europapolitisches Engagement sind imponierend. Ich bin glücklich, dass Litauen mit seiner enormen Dynamik, seiner wunderbaren Kultur und seinem europäischen Esprit die EUStaatenfamilie bereichert. Bessere europäische Botschafter als die Litauische Volksgemeinschaft bzw. das Litauische Gymnasium kann sich Litauen gar nicht wünschen. In Schloss Rennhof werden die europäischen Werte überzeugend gelebt - hier sind die Vielfalt und damit auch die Kraft Europas greifbar.

Vielen Dank!